Mischi
Mischi war sanft, zärtlich, rätselhaft,
unkompliziert.
Vier Wochen haben wir vergeblich gehofft, dass Elias zurückkommt. Immer
wieder sind wir in das Tierheim gegangen, um zu sehen, ob er vielleicht dort
gelandet wäre. Dann gaben wir es auf und nahmen eine andere Katze mit
nach Hause.
"Mischi", wie wir sie später nannten, saß ganz hinten
im Käfig. Man sah nur ihre spitzen Ohren und die großen Augen.
Als sie herausgeholt wurde, mussten wir lachen. Außer den großen
Augen und den spitzen Ohren war auch nicht
viel an ihr dran. Sie hatte hohe Beine, einen dünnen Körper und
einen Rattenschwanz. Aber wir wollten sie haben.
Die großen Augen hatten es uns angetan!
Mischi kam in ein Katzenhaus aus Pappe, wir mussten unsere Personalien angeben,
wie bei Elias, und fuhren mit unserer
neuen Wohnungsgenossin nach Hause, diesmal im Taxi.
Wir hätten sie eigentlich "Callas" nennen müssen! Das
Protestgeschrei, das sie anstimmte, hätte ein Opernhaus gefüllt!
Ich habe den Taxifahrer bewundert, dass er uns nicht raussetzte.
Mischi war ein halbes Jahr alt, nicht kastriert aber gegen Katzenschnupfen
geimpft.
Sie war einen Tag bei uns und bekam ihn, den Katzenschnupfen!
Die Tierärztin wetterte gegen die Zustände im Tierheim. Ob gerecht
oder ungerecht, kann ich nicht beurteilen. (Unsere beiden Katzen, die wir
zwölf Jahre später aus dem Tierheim holten, bekamen auch den Katzenschnupfen
trotz Impfung).
Jedenfalls machte uns die Tierärztin Hoffnung, indem sie sagte, "entweder
sie übersteht ihn, oder sie übersteht ihn nicht!"
Mischi saß auf dem Stuhl unter der Tischdecke, ihre Augen tränten,
ihre Nase lief und sie fühlte sich nicht wohl.
Sie tat uns schrecklich leid. Aber sie war zäh und wurde gesund.
Auf der Karteikarte vom Tierheim stand: "lebhaft". Das war sie auch.
Sie war überall und nirgends,sie jagte durch die Wohnung und ging an
den Tapeten hoch, was nicht gerade gut für die Tapeten war.
Besonders der Durchgang zum hinteren Teil der Wohnung hatte es ihr angetan.
Wir haben ihn dann mit einer Bastmatte verkleidet, und so lange Mischi lebte,
haben wir die Verunzierung unserer Wohnung ertragen.
Wer sich eine Katze ins Haus holt, darf nicht penibel sein. Das sollte man
wissen!
Wenn sie auf die Terrasse wollte legten wir ihr eine Leine um. Wir hatten
Angst, dass es ihr so ging wie Elias.
Aber sie verhedderte sich restlos an den Pfosten der Palisade.
Das war Streß für sie und für uns. Da gaben wir es auf und
ließen sie frei laufen, und sie blieb uns erhalten!
Mischi war eine gewöhnliche graue Katze. In der Nacht war sie kaum zu
sehen. Sie war auch nicht sehr zutraulich. Die Nachbarn mochten sie nicht
besonders, und das war uns sehr recht. Nur wir wußten von ihren Vorzügen.
Sie war zwar lebhaft, aber sanft und zärtlich und verteilte ihre Gunst
gleichmäßig. Beim Spielen hat sie nie ihre Krallen rausgestreckt.
Und sie spielte gerne! Dass eine Katze mit Leidenschaft unter einen Vorleger
krabbelt, kennt wohl jeder Katzenhalter.
Aber ihr Lieblingsspiel war "verstecken". Ich musste mich hinter
eine Tür oder einen Sessel verstecken,
sie kam langsam angeschlichen und sprang mit einem Satz an mir hoch, als wollte
sie mich erschrecken.
Als sie das erste Mal rollig wurde, gingen wir mit ihr zum Tierarzt, und sie
wurde kastriert. Sie hat es gut überstanden, durfte natürlich den
ganzen Tag nichts essen. Das fand sie nicht gut. Aber am nächsten Tag
war alles wieder normal.
Ihre Lebhaftigkeit hat unter der Kastration nicht gelitten.
Natürlich ging sie auch in den Park, blieb auch manchmal die Nacht über
weg. Zuerst konnte ich dann nicht schlafen, aber
allmählich gewöhnte ich mich daran. Wenn sie nachts rein wollte,
klopfte sie an das Fenster meiner Freundin.
Auf Bäume klettern war nicht ihre Leidenschaft. Einmal hat sie es versucht.
Der Baum war nicht sehr hoch, und sie kam auch alleine wieder runter. Aber
es hat gedauert, ehe sie sich dazu traute. Wir waren sehr froh, dass wir keine
Hilfe holen mussten. Wir hatten hier eine Katze im Gelände, die wurde
fünf Mal von einem Baum von der Feuerwehr heruntergeholt! Das kostete
den Besitzer eine schöne Stange Geld. Das letzte Mal ließ er die
Katze 3 Tage auf dem Baum sitzen, ehe er die Feuerwehr holte. Dann trennte
er sich von ihr.
Einmal hat Mischi unser Haus vor großem Schaden bewahrt.
Es war Mitte Mai und ein ungewöhnlich heißer und schwüler
Tag.
Der Himmel war schwefelgelb. Jeden Moment musste sich ein Gewitter entladen.
Mischi war draußen. Ich sah sie durch das Küchenfenster den Weg
entlang kommen und wollte sie reinholen. Als ich die Wohnungstür aufmachte,
schlug mir ein Brandgeruch entgegen. Ich ging die Kellertreppe runter und
sah, dass ein Schaltkasten glühte. Meine Freundin rief sofort die Feuerwehr,
und ehe die kam, hatte sich schon ein richtiger Brand entwickelt. Es war unheimlich,
wie schnell das ging. Das Treppenhaus war voller Qualm. Licht- und Telefonleitungen
waren unterbrochen. Inzwischen entlud sich das Gewitter und es goß in
Strömen. Trotzdem stand die ganze Nachbarschaft draußen und beobachtete
das Spektakel. Der Brand war zum Glück bald gelöscht, unsere Wohnungen
waren verschont geblieben, nur das Treppenhaus sah schwarz aus. Und die Licht-
und Telefonleitungen waren erst ein paar Tage später wieder in Ordnung.
Mischi war verschwunden. Stunden später
tauchte sie an der Terrassentür auf. Sie sah aus wie eine Robbe. Völlig
durchnäßt, das Fell klebte an ihrem Körper. Wir sahen das
menschlich und haben sie erst einmal abgetrocknet und warm eingepackt, und
dann bekam sie eine Extraportion Hack.
Mischi hatte einen Freund, einen Kater, der sinnigerweise "Mäuschen"
hieß. Mäuschen sah aus wie Mischi. Nur durch
einen rötlichen Fleck auf Mischis Kopf, konnte man sie auseinanderhalten.
Mäuschen holte Mischi zum Spaziergang ab. Es war lustig anzusehen, wie
der Kater vor unser Küchenfenster kam,
in dem Mischi mit untergekrempelten Pfoten saß (wie eine neugierige
Frau, die alles beobachten muss), und sie aufforderte, mitzukommen. Ich nehme
an, sie wartete schon auf ihn. Sie sprang dann gleich runter, und dann zogen
sie beide ab.
Man hat uns erzählt, dass sie ziemlich weit weg von unserem Gelände
gesehen wurden. Das ist für Katzen ungewöhnlich, aber zwei so gleich
aussehende Katzen, die zusammen spazieren gehen, fallen schon auf. Ich will
es glauben!
Mäuschens Leute zogen um und er mit ihnen. Da setzte sich Mischi zur
Ruhe und wurde bequem.
Das Einzige, was sie noch munter machte, war fressen. Sie fraß alles:
Dosenfutter, Trockenfutter, Fleisch gekocht und roh
und Fisch. Und sie wurde ziemlich fett.
Um sie aus ihrer Lethargie herauszureißen, beschlossen wir, ihr einen
Gefährten zu geben.
Und damit sind wir bei Maxi